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Diagnose für alle – Ist Psychologie unsere neue Religion?

Psychische Erkrankungen auf Social Media – Verharmlosung, Selbstdiagnosen und ihre Folgen

Psychische Erkrankungen sind auf Social Media allgegenwärtig. Kinder und Jugendliche begegnen auf Plattformen wie Instagram oder TikTok täglich Inhalten zu Depressionen, ADHS, Angststörungen oder Autismus. Während diese Offenheit einerseits zur Enttabuisierung beitragen kann, zeigt sich zugleich eine problematische Entwicklung: Verharmlosung, Fehlinformationen und Selbstdiagnosen nehmen deutlich zu.

Verunsicherung durch Social Media

Viele junge Menschen setzen sich intensiv mit psychischer Gesundheit auseinander – oft jedoch auf Grundlage verkürzter oder falscher Darstellungen. Influencerinnen und Influencer präsentieren Symptome, Checklisten oder persönliche Erfahrungen, die nicht selten verallgemeinert werden. Fachliche Kriterien für psychische Erkrankungen werden dabei häufig ungenau, falsch oder stark vereinfacht verwendet. Begriffe werden inflationär gebraucht oder verharmlost, was bei Kindern und Jugendlichen zu erheblicher Verunsicherung führen kann.

Hinzu kommt, dass manche Influencer mit dem Thema „Mental Health“ gezielt Profit erzielen, etwa durch kostenpflichtige Angebote, Selbsttests oder Coachings. Die Grenze zwischen Aufklärung und Vermarktung verschwimmt – mit potenziell gravierenden Folgen für junge Menschen, die sich auf der Suche nach Orientierung befinden.

Die mentale Gesundheit junger Menschen in der Krise

Studien zeigen eindeutig: Der mentale und psychische Zustand von Kindern und Jugendlichen ist alarmierend. Leistungsdruck, schulischer Stress, Zukunftsängste, soziale Vergleiche und ständige Erreichbarkeit belasten junge Menschen stark. Depressionen, Angststörungen und psychosomatische Beschwerden nehmen zu, ebenso wie die Zahl suizidaler Gedanken und Handlungen.

Social Media kann dabei sowohl Schutzraum als auch Risikofaktor sein. Einerseits fühlen sich Jugendliche gesehen und verstanden, andererseits verstärken Selbstdiagnosen und problematische Inhalte den Druck, sich selbst einordnen oder „labeln“ zu müssen.

Dr. Müller: Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern

Neben weiteren Referentinnen und Referenten hat Dr. Müller im Rahmen der Deutschlandfunk-Sendung „Lebenszeit“ seine fachliche Einschätzung abgegeben. Er berichtete von einem deutlichen Anstieg psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.

In der Praxis zeigt sich zunehmend, dass Kinder bereits mit weit fortgeschrittenen Symptomen in die Behandlung kommen. Nicht selten wenden sich Eltern an Einrichtungen, bereits mit einer vermeintlichen Diagnose, die zuvor – häufig auch durch Informationen aus dem Internet – entstanden ist.

Im Rahmen eines teilstationären Aufenthalts werden diese Diagnosen fachlich überprüft. Dabei zeigt sich immer wieder, dass anfängliche Verdachtsdiagnosen, etwa im Bereich Autismus, nicht zutreffend sind und die eigentlichen Ursachen der Probleme in anderen Entwicklungs- oder Belastungsbereichen liegen.

Sensibilisierung und professionelle Einordnung sind entscheidend

Dr. Müller betont, wie wichtig eine fundierte Sensibilisierung von Fachkräften ist – nicht nur im medizinischen Bereich, sondern auch bei Lehrpersonal, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie pädagogischen Fachkräften. Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, die Symptome ernst nehmen, aber gleichzeitig professionell einordnen und begleiten können.

Psychische Gesundheit darf kein Social-Media-Trend sein. Sie erfordert Zeit, Fachwissen, Differenzierung und individuelle Betrachtung. Selbstdiagnosen ersetzen keine professionelle Diagnostik – und können im schlimmsten Fall dazu führen, dass Kinder und Jugendliche falsch verstanden oder nicht angemessen unterstützt werden.

Fazit

Die Auseinandersetzung mit psychischer Gesundheit ist wichtig und notwendig. Doch gerade bei Kindern und Jugendlichen braucht sie Verantwortung, fachliche Tiefe und Schutz vor Vereinfachung. Das Interview im Deutschlandfunk macht deutlich:
Aufklärung ja – aber nicht um den Preis von Verunsicherung und Fehldiagnosen.

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